[Nasional-d] Hinter dem Anschlag auf Bali steckt ein Deutsch-Araber Reda S.
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Sun Nov 17 04:48:03 2002
vom 16.11.2002
Indonesische Ermittler sind sich sicher: Hinter dem Anschlag auf Bali steckt ein
Deutsch-Araber Reda S. - ein Terrorist im Dienste der Al-Qaida?
Ein Deutscher soll den Bombenanschlag auf Bali mitorganisiert haben. Nach
Geheimdienstinformationen hat Reda S. die Al-Qaida-Terrorakte in Indonesien
finanziert.
S. sagt, er sei kein Terrorist. Deutschland will seine Auslieferung.
Von Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta
Die schweren Gittertüren stehen offen. Meist gegen 16 Uhr kommt Reda S. aus seiner
Zelle und geht zum Badmintonspielen auf den kleinen Gefängnishof. "Er ist ein
hohes Al-Qaida-Mitglied", sagt Muchyar Yara vom indonesischen Geheimdienst, "S.
hat in Indonesien Al-Qaida-Geld an Terroristen verteilt. Er war ihr Chef. In
seinem Tagebuch steht etwas über Sprengstoff. Wir vermuten, dass ein Teil des
Geldes, über das er verfügte, für den Kauf von Sprengstoff ausgegeben wurde -
möglicherweise für den Bali-Anschlag."
Es ist heiß und stickig in dem Gefängnishof, Reda S. schwingt den Schläger
lustlos. "Ich bin kein Al-Qaida-Mitglied", sagt er, "das ist einfach nicht wahr."
Von hohen Wänden umgeben liegt der Innenhof zwischen Zellentrakt und Bürohaus der
Polizei. Auf der Büroseite gibt es Balkone und Fenster, die anderen drei Seiten,
wo die Zellen sind, haben nur kleine, dreieckige Lüftungsöffnungen. Von einem
Balkon aus kann man mit Reda S. reden. Heimlich und kurz ist das Gespräch, die
Polizei verbietet Interviews. Aber S. will, dass seine Seite der Geschichte gehört
wird. Sein Anwalt hat Fragen weitergeleitet, Reda S. hat sie beantwortet. Würde
ein Al-Qaida-Terrorist das tun?
Der Mann, um den es geht, ist in Ägypten geboren.
Nach der Heirat mit einer Deutschen wurde S. deutscher Staatsbürger. Am 2. August
flog er nach Indonesien, in Jakarta zahlte er für ein Haus 13 400 US-Dollar in bar
als Vorrausmiete für zwei Jahre. S. sagt, dass er Kameramann sei. Er wollte in
Indonesien eine Existenz als freier Journalist aufbauen und eine
Filmproduktionsfirma gründen. Der 42-Jährige fragte bei den Behörden, wie das zu
machen sei und stellte einen Akkreditierungsantrag als Journalist. Reda S.
versteckte sich nicht. "Ich habe mich sogar bei der deutschen Botschaft
angemeldet", sagt S., das Auswärtige Amt in Berlin bestätigt das.
Auch bei den indonesischen Behörden legte S. seinen deutschen Pass vor. Niemand
bestreitet, dass er auf offiziellem Wege versuchte, die für Journalisten in
Indonesien notwendigen Papiere zu erlangen. Aber es klappte nicht. "S. konnte
nicht nachweisen, dass er ein Arbeitsverhältnis bei einem Medium hat", meint Wahid
Supriyadi, der beim Außenministerium Akkreditierungen vergibt. Polizeiermittler
sagen, dass der Journalistenausweis des Deutschen "eine stümperhafte Fälschung"
sei. S. beteuert, dass der Ausweis echt sei. Mitarbeiter des indonesischen
Geheimdienstes glauben, dass die von S. angestrebte Journalistenexistenz als
Tarnung dienen sollte für terroristischen Aktivitäten.
Am 16. September wurde S. in Jakarta verhaftet. In seinem Haus fanden Beamte eine
Videokassette, auf der zu sehen ist, wie maskierte Männer im Dschungel militärisch
ausgebildet werden - laut Geheimdienst wohl in einem Al-Qaida-Trainingslager.
"Außerdem war in der Brieftasche von S. die Visitenkarte von Agus Dwikarna", sagt
Aryanto Sutadi, der die polizeilichen Ermittlungen leitet. Dwikarna ist in den
Philippinen wegen illegalen Sprengstoffbesitzes zu 17 Jahren Haft verurteilt. Er
gestand, Mitglied der "Jemaah Islamiyah" zu sein. Die Terrorgruppe soll
Verbindungen zur Al-Qaida haben, Australiens Regierung glaubt, dass sie den
Anschlag auf Bali organisiert haben könnte.
Dass der Deutsch-Araber S. die Visitenkarte von Dwikarna und das verdächtige
Videoband bei sich gehabt habe, sei nur "die Spitze des Eisberges", meint Muchyar
Yara. "S. war der Chef von Omar al-Faruq."
Dieser, so steht es laut dem US-Magazin "Time" in einem CIA-Bericht, habe
gestanden, Osama bin Ladens höchster Repräsentant in Südostasien gewesen zu sein.
Im Juni wurde er in Indonesien verhaftet und den USA übergeben. Die Amerikaner
verhörten ihn monatelang, angeblich mit folterähnlichen Methoden. Was al-Faruq am
9. September ankündigte, wurde wenig später so ähnlich wahr: Er habe den Auftrag,
Autobombenanschläge in Südostasien zu verüben. Sollte er gefasst werden, stünden
Vertreter bereit, die den Plan ausführen könnten. Einen Monat später explodierte
die Autobombe in Bali.
Aber al-Faruq hatte gesagt, dass US-Botschaften angegriffen werden sollten - und
zwar zum Jahrestag des 11. September. Deshalb schlossen fast alle US-Vertretungen
in Südostasien. Heute glauben Experten, dass der Bali-Anschlag ein "Plan B" war,
dass Anschlagsziel und -zeitpunkt verlegt wurden. Bali, von al-Faruq nicht als
Ziel benannt, blieb ungeschützt.
Am 12. Oktober starben in Kuta 191 Menschen. "Wir wissen, dass al-Faruq mehrfach
von Reda S. Geld bekam", sagt Muchyar Yara, "S. hat Ausgaben in seinem Tagebuch
festgehalten, er war der Al-Qaida- Finanzier des Terrors in Indonesien.
Außerdem haben wir Zeugen, die S. und al-Faruq zusammen gesehen haben. Sie sagen,
dass S. Anweisungen gab. Er war also der Boss des Al-Qaida-Südostasienchefs
al-Faruq."
Reda S. holt noch einen Federball aus einer Dose, die am Rand des Gefängnishofes
liegt. Er trägt eine dunkelgrüne Jogginghose und helle Turnschuhe, das beige
T-Shirt ist schlabberig weit. Freundlich grüßt er, seine Stimme ist weich und
nett. Nach zwei Monaten Haft sieht er nicht mehr aus wie der gepflegte Mann auf
seinem Passfoto, sondern so, wie Gefangene in Filmen aussehen. Er hat krauses
Haar, schwarze Stoppeln auf den Wangen und einen Schnauzer, der gestutzt werden
müsste. "Ich habe nichts mit Bali zu tun", schreibt S. später, "wie kann ich
beteiligt sein, wenn ich im August festgenommen wurde, die Bombe aber im Oktober
hochging? Da war ich längst in Haft."
Laut S. sind alle Vorwürfe falsch. Ermittler sagen, eine Hausangestellte habe
berichtet, dass Reda S. sich öfter mit al-Faruq traf. "Die Aussage ist nicht
richtig", meint S., der von einem männlichen Angestellten spricht, "er hat bei mir
im September gearbeitet, al-Faruq wurde schon im Juni verhaftet. Ich habe al-Faruq
nie getroffen", sagt Reda S.
Glaubt man dem Deutschen, dann hat er das verdächtige Videoband gekauft, ohne zu
wissen, was er da erwirbt. "Bei einer Büroauflösung wurden gebrauchte Sachen
verkauft, dabei waren 15 Kassetten." Wie die Visitenkarte des Terroristen Dwikarna
in seine Brieftasche kam, kann S. nicht erklären. "Sie war nicht drin.
Wahrscheinlich hat sie jemand hineingetan." In Verhören bleibt S. bei seiner
Darstellung. "Er ist schwierig", sagen die, die ihn befragen. "Man hat den
Eindruck, er sei verhörgeschult", meint einer, der sich sehr gut mit dem Fall
auskennt, "Er gibt immer nur das zu, was längst bekannt ist." Die indonesische
Polizei wollte Anfang des Monats schon aufgeben. "Die Geheimdienstinformationen
belasten ihn, sind aber größtenteils nicht gerichtsverwertbar. Vor einem Richter
könnten wir S. keine terroristische Tätigkeit nachweisen", sagte Ermittlungsleiter
Aryanto. Er schloss die Akte Reda S., ohne Terrorvorwurf zu erheben, und schickte
sie der Staatsanwaltschaft.
"Mittlerweile hat die Polizei uns alles gegeben, was mit dem Fall Reda S. zu tun
hat", sagte Staatsanwaltssprecher Haryono gestern, "ob es für eine Terroranklage
ausreicht oder nicht, wird jetzt von uns geprüft." Sollte Reda S. in Indonesien
nicht belangt werden, ist sein Fall nicht erledigt. Der deutsche
Generalbundesanwalt hat ein Ermittlungsverfahren gegen S. eröffnet: "Wegen des
Verdachts der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung",
teilte eine Sprecherin mit.
Auch in Deutschland sollen Aussagen vorliegen, die S. belasten - "starker Tobak",
sagt ein Insider. BKA-Mitarbeiter sind in Indonesien, sie pendeln zwischen Bali
und Jakarta. In Bali sind die Beamten Teil des Teams, das den Anschlag in Kuta
untersucht.
In Jakarta verhören sie S. auch über den Bali-Anschlag. "Wir dürfen nichts sagen,
die Ermittlungen laufen", meint einer der BKA-Leute.
Die indonesischen Kollegen sind gesprächiger. "Die BKA-Leute halten Reda S. für
einen Terroristen", sagt Ermittler Aryanto, "sie sagen uns, dass alles, was S.
aussagt, gelogen ist." Noch ist in Deutschland keine Anklage gegen S. erhoben
worden. Das müsste geschehen, bevor man sich um seine Auslieferung bemühen kann.
Aber schon jetzt hat man in Indonesien deutlich gemacht, dass Deutschland großes
Interesse an S. hat. "Sie wollen ihn", sagt Aryanto. Reda S. hat man zu verstehen
gegeben, dass er nach Deutschland solle. "Einverstanden, ich bin Deutscher und
lebe nach deutschem Recht. Ich habe nichts Kriminelles getan", sagt er.